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50 Jahre Leasing in Deutschland

Leasing ist heute eine weit verbreitete Finanzierungsform. Neben den klassischen Mobilien und Immobilien – Fahrzeuge, Maschinen, Computer sowie Gebäude – gibt es auch Leasinglösungen für immaterielle Güter. Das Spektrum reicht von Software über Marken- und Patentrechte bis zur Vorfinanzierung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Mehr als die Hälfte (53 Prozent) der außenfinanzierten Investitionen werden über Leasing ausgeführt. Es gibt nahezu kein Investitionsgut, das heute nicht geleast werden kann – und nicht geleast wird. Allein 2011 waren dies Wirtschaftsgüter im Wert von fast 50 Milliarden Euro. Kunden sind Unternehmen aller Größen, wobei sich das Leasing von Betriebs- und Geschäftsausstattung insbesondere für mittelständische Betriebe bewährt hat. Auch die volkswirtschaftliche Bedeutung des Leasings als Investitionsmotor und damit für das Wirtschaftswachstum ist laut BDL-Hauptgeschäftsführer Horst Fittler in Deutschland mittlerweile breit anerkannt. Der Weg dorthin war jedoch über weite Strecken steinig. So mussten die Leasingpioniere zunächst Vertrauen aufbauen, denn Leasing genoss einen zweifelhaften Ruf als Finanzierungsinstrument für kapitalschwache Firmen, die keinen Kredit mehr bekamen. Daher nutzten im ersten Jahrzehnt der Branchengründung hauptsächlich Großunternehmen und die öffentliche Verwaltung Leasing als Investitionsalternative. Der breite Durchbruch gelang erst in den 1970er-Jahren mit EDV-Anlagen für mittelständische Betriebe. Zudem sorgte der technische Fortschritt in der Druckindustrie für einen Leasing-Boom in dieser Branche.

Die 1980er-Jahre standen ganz im Zeichen des Fahrzeugleasings. Fahrzeughersteller gründeten selbstständige Leasinggesellschaften, und dank intensiven Marketings erfuhr das Autoleasing bei Privatpersonen eine große Nachfrage. Der Anteil der Privatkunden stieg in der Folgezeit von drei auf mittlerweile über zehn Prozent. Bis heute entfällt über die Hälfte des jährlichen Leasingneugeschäfts auf den Fahrzeugsektor (Pkw und Nutzfahrzeuge), jedes dritte in Deutschland neu zugelassene Kraftfahrzeug ist geleast. Da es sich dabei vor allem um Wagen der Mittel- und Oberklasse handelt, beträgt die Leasingquote nach Anschaffungswert mehr als 60 Prozent. Die 1990er-Jahre standen für die Leasinggesellschaften wie auch für andere Wirtschaftszweige ganz im Zeichen des „Aufbau Ost“. Von 1990 bis 1996 investierten die Gesellschaften in Anlagen im Wert von 42 Milliarden D-Mark und leisteten dabei einen bedeutenden Beitrag zur Reindustrialisierung in den Neuen Bundesländern. Im neuen Jahrtausend zog es die Branche verstärkt ins Ausland, besonders nach Osteuropa. Vor allem Domestic-Leasing-Geschäfte, wofür die Gesellschaften eine Niederlassung vor Ort gegründet hatten, boomten. In Deutschland überschritt 2006 das Leasingneugeschäft die 50-Milliarden-Euro-Marke, die Gesamtleasingquote erreichte mit 17,8 Prozent ihren höchsten Stand. Schon drei Jahre später befand sich die Leasingbranche im Würgegriff der schwersten Rezession der Nachkriegsgeschichte und verzeichnete 2009 einen historischen Einbruch des Neugeschäfts um 23 Prozent. Zu dieser schwierigen Marktsituation kam zeitgleich hinzu, dass die Leasinggesellschaften unter Finanzmarktaufsicht gestellt wurden. Dies war der bedeutendste und tiefste Einschnitt in der Branchengeschichte – zumal die umfangreichen Anforderungen und Pflichten, die sich auch durch die „Aufsicht light“ ergeben haben, eine sehr heterogene Branche trafen.

Innerhalb von fünf Jahrzehnten hatte sich in Deutschland – abweichend von anderen europäischen Ländern – eine vielschichtige Branchenstruktur mit einem starken mittelständischen Kern gebildet. Die Leasingwirtschaft spiegelt diese deutsche Unternehmenslandschaft wider. Nach der Finanzkrise konnte die Branche im vergangenen Jahr im Mobilienleasing erneut ein Wachstum von zwölf Prozent verkünden. Das gesamte Neugeschäft wuchs im vergangenen Jahr wieder auf fast 50 Milliarden Euro, und auch in das laufende Jahr sind Leasinggesellschaften gut gestartet, so Fittler. Schon die erste Befragung von Leasingnehmern 1973 durch das Meinungsforschungsinstitut DIVO Inmar ergab aus heutiger Sicht erstaunlich aktuelle Leasingmotive: Die Sicherung des Eigenkreditspielraums, Liquiditätsvorsorge und Rationalisierungsmaßnahmen waren damals wie heute die stärksten Argumente, die aus Kundensicht für Leasing sprachen. Weitere Gründe waren ein größerer Schutz vor Überalterung sowie eine dank Leasing flexiblere Investitionspolitik. All diese Leasingvorteile werden auch nach 50 Jahren noch von Kunden unter den Top 5 aufgeführt, wie die nachfolgenden Befragungen im Rahmen der BDL-Marktstudien 1994, 2002, 2007 und 2011 zeigten. Je nach Konjunkturlage veränderte sich jedoch über die Jahre die Reihenfolge der Motive. So spielt heute vor allem die Möglichkeit, das Leasingobjekt nach der Vertragslaufzeit zurückgeben zu können, eine größere Rolle als noch vor einigen Jahren. Dies zeigt, dass der Eigentumsgedanke nun auch bei den kleineren und mittleren Unternehmen, die die Mehrzahl der Unternehmen in Deutschland stellen, keine bedeutende Rolle mehr spielt.50 Jahre nach Gründung der Leasingwirtschaft in Deutschland sieht der BDL weiterhin gute Wachstumschancen.

Zu den traditionell starken Leasingstandbeinen Fahrzeuge, Maschinen und IT würden neue Branchen hinzukommen. „Gerade am Wendepunkt zu einem neuen Technik- und Energiezeitalter erfordern die neuen Technologien enorme Investitionen. Einerseits werden Anlagen zur Erzeugung alternativer, regenerativer Energien wie Sonne, Wind, Wasser oder Biogas händeringend nachgefragt, andererseits werden energiesparende Techniken für Fahrzeuge oder Maschinen benötigt“, erläutert BDL-Hauptgeschäftsführer Fittler. Wie die Branchengeschichte zeige, seien Leasinggesellschaften Experten, wenn es gilt, innovative Produkte auf den Märkten einzuführen. Bereits heute sorge Leasing dafür, dass schadstoffarme Fahrzeuge auf die Straße kämen, da zum Beispiel im Fuhrparkbereich immer die neuesten und damit umweltschonende Modelle eingesetzt würden, so der BDL. Wachstumschancen sieht der BDL außerdem im Gesundheitsbereich, in der Life-Science-Forschung oder in der Nanotechnologie. In diesen Hightech-Branchen sind die Innovationszyklen besonders kurz. Für die dort tätigen Unternehmen sei es ein entscheidendes Erfolgskriterium, mit den modernsten, neuesten Techniken arbeiten zu können.

CFO-World, 20.07.2012 | drucken | Ganzer Artikel hier

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